© / Quelle: Ostfriesische Nachrichten / 09.07.2004

Drama von Montreal: Leegmoorer Boßelshow fällt aus
Friesensport: Organisator Johann Müller zwischen Traum und Alptraum

Von Wolf-Rüdiger Saathoff

Mehr als 1000 Stunden Arbeit schätzt Johann Müller sein Engagement für den Boßeltrip nach Kanada ein. Vergeblich. Die 4. Weltspiele fallen wegen Geld-mangels aus.                      Foto: Saathoff

Schirumer-Leegmoor. Johann Müller hatte eine Vision: 15 Leegmoorer Boßeler präsentieren den Friesensport in Kanada. Bei den 4. Weltspielen für traditionelle Sportarten vom 30. Juli bis zum 8. August in Montreal. Eine Veranstaltung mit über 1000 Teilnehmern aus 70 Nationen. Dieser Traum ist geplatzt. Grund: Die Veranstalter sagten die Spiele vier Wochen vor Beginn ab, weil ihnen das Geld ausging. Der kanadische Staat löste sein finanzielles Versprechen in Höhe von 1,2 Millionen Euro nur zu 50 Prozent ein.
„Das ist unglaublich“, seufzt Müller. Er sitzt in seinem Wohnzimmer auf dem Sofa. Dabei blättert er in einer Mappe. Auf dem Deckel steht „das Drama von Montreal“. Briefe, Faxe, E-Mails sind darin. Sie dokumentieren das Desaster. „Mitte Juni war noch alles perfekt“, berichtet Müller mit Tränen in den Augen. Er und vierzehn Frauen und Männer aus Leegmoor hatten eine bühnenreife Showeinlage vorbereitet. Verschiedene Aktionen mit der Boßelkugel und eine „History-Show“, mit der die geschichtliche Entwicklung des Friesensports beleuchtet wird, standen auf dem Programm. Die Flüge im Wert von 10000 Euro waren gebucht. Weiterhin hatte Müller für Unterkunft und Verpflegung knapp 5000 Euro nach Kanada überwiesen. „Wenn wir nicht fliegen, ist das Geld verloren“, skizziert Müller das finanzielle Debakel. Wegen der hohen Stornokosten bei den Flugtickets. Das Verpflegungsgeld hat er auch abgeschrieben. „Wir haben unsere Ansprüche geltend gemacht. Ob wir jemals davon etwas zurückbekommen, ist ungewiss“, klagt Müller. Nicht allein der finanzielle Verlust hinterlässt Schrammen. „Mir wäre viel Arbeit und Bauchweh erspart geblieben, wenn ich die Sache nicht angepackt hätte“, sagt der Leegmoorer. Mit mehr als 1000 Stunden Arbeit schätzt Müller sein Engagement für die Organisation des gescheiterten Auftritts der Boßeler in Übersee ein. Vom ersten Kontakt mit den Veranstaltern der Weltspiele bei der Expo 2000 in Hannover bis zur offiziellen Absage Anfang Juli vergingen fast vier Jahre. Zeit, in der die Reisgruppe um den Berufsschullehrer viele Hürden aus dem Weg räumte. Dazu zählt Müller das umfangreiche Bewerbungsverfahren, Finanzierungs- und Versicherungsfragen sowie die Vorbereitungen für die Show. Mehr als 300 Dateien umfasst der Briefverkehr. „Alles für die Mülltonne“, ist zu hören. Nicht ganz. Bis zum kommenden Wochenende wollen die einzelnen Mitglieder der Gruppe entscheiden, ob sie trotzdem Ende Juli nach Montreal fliegen, um dort Urlaub zu verbringen. „Jeder muss abwägen, ob er die Mehrkosten tragen will“, gibt Müller zu bedenken.
Für ihn ist Kanada ein rotes Tuch geworden: „Am liebsten würde ich in die Berge fahren, um diese Katastrophe möglichst schnell zu vergessen.“