|
©
/ Quelle: Bernhard
Uphoff / 03.05.2004
EM soll großen Schub für Friesensport
bringen
Europameisterschaft der Klootschießer und Boßler vom
20. bis zum 23. Mai in
Westerstede - Interview mit Jan-Dirk Vogts
Von Bernhard Uphoff
Westerstede - In Slowenien
haben die deutschen Handballer um Bundestrainer Heiner Brand im Februar
als Europameister triumphiert. In Portugal will Teamchef Rudi Völler mit
der deutschen Nationalmannschaft im Juni und Juli bei der Fußball-EM für
eine Überraschung sorgen. Und mittendrin ist Westerstede. Dass auch das
Ammerland im Euro-Sportjahr 2004 eine wichtige Rolle spielt, klingt
kurios, trifft aber zu. Vom 20. bis zum 23. Mai ist Westerstede Schauplatz
der 12. Europameisterschaft der Klootschießer und Boßler. "Dann wollen wir
für ein unvergessliches Erlebnis sorgen und Werbung für unseren Sport
betreiben", erklärt Jan-Dirk Vogts, der Chef des EM-Organisationsteams. 16
Jahre nach dem internationalen Vergleich der Friesensportler in Norden
bekommen die besten Werfer aus Ostfriesland und Oldenburg die
Chance, sich wieder vor der eigenen Haustür mit der starken Konkurrenz aus
Irland, den Niederlanden und Schleswig-Holstein zu messen. Erstmals nehmen
"Bocciatori" aus Italien an einer EM im Gebiet des Friesischen
Klootschießerverbandes (FKV) teil, der schon 1974 in Jever seine Premiere
als Ausrichter dieses hochrangigen Wettbewerbs feierte. Ansprüche und
Aufwand sind in den 30 Jahren enorm gestiegen. Der Ehrgeiz auf der großen
Sportbühne ist der alte: Frauen, Männer und Jugendliche wollen sich nach
harter Qualifikation beim alle vier Jahre stattfindenden internationalen
Wettbewerb der Klootschießer und Boßler mit dem Europameistertitel die
Krone aufsetzen. Etwa 500 Sportler sowie Funktionäre und an die 10000
Zuschauer werden in Westerstede zur so genannten Meica-Boßel-Euro
erwartet. Der Kreisklootschießerverband Ammerland, mit 37 Vereinen und
etwa 4800 Mitgliedern größter der sieben Kreise im Landesverband
Oldenburg, arbeitet mit Unterstützung von Politik und Wirtschaft seit
Monaten am Gelingen des großen Friesensport-Festes. Als zentrale Figur
fungiert Jan-Dirk Vogts, ammerländischer Vorsitzender und
stellvertretender FKV-Vorsitzender. Der 46-Jährige aus Hollwege, selbst
begeisterter Boßler und ehemaliger Klootschießer, und seine zahlreichen
Mitstreiter fiebern dem vierten Mai-Wochenende entgegen. Hochrangige
politische Prominenz hat sich angesagt: Als Schirmherr fungiert
Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff.
 |
|
 |
|
Jan-Dirk Vogts
Leiter OrgaTeam |
|
Bernhard Uphoff
Ostfriesischer Kurier |
|
Kurier:
|
|
Herr Vogts,
eine Friesensport-EM vor der eigenen Haustür ist eine einmalige
Chance. Wie groß ist die Vorfreude? |
|
Vogts:
|
|
Die ist
natürlich da, aber es ist auch eine gewisse Anspannung vorhanden.
Wir müssen Dinge bewältigen, die wir in dieser Größe bisher noch
nicht angegangen sind. |
|
Kurier:
|
|
Warum haben
Sie und ihre vielen Helfer sich in das Abenteuer EM gestürzt? |
|
Vogts:
|
|
Wir wollen
die Chance für die Friesenspieler in unserem Landkreis nutzen.
Unsere Bewerbung ist über die Jahre gewachsen. 1994 haben wir den
Friesischen Mehrkampf in Howiek ausgerichtet. Dieser große
Wettbewerb war schon ein Riesenereignis, das von der Stadt
Westerstede großzügig unterstützt wurde und sehr gut angekommen ist.
Schon der Mehrkampf war vom logistischen Aufwand her sehr
umfangreich. Wir haben damals positive Erfahrungen gesammelt und die
Stadt hat an positivem Image gewonnen. Nach der EM 1996 im
niederländischen Tubbergen wurden Stimmen laut, ob wir Ammerländer
nicht auch ein großes Friesensport-Fest auf die Beine stellen
könnten. Darauf hat sich unser EM-Vorhaben langsam entwickelt. Ende
1998 haben wir einen Antrag an die Stadt gestellt, der positiv
aufgenommen wurde. |
|
Kurier:
|
|
Unter welchen
Vorzeichen sorgen Sie für die große EM-Bühne? |
|
Vogts:
|
|
Die Stadt
Westerstede begleitet uns intensiv, was ein großer Vorteil ist. Da
wird uns enorm viel an Arbeit abgenommen. Es werden Dinge bewältigt,
die man ehrenamtlich gar nicht schaffen könnte. Man muss dabei
wissen, dass die Stadt straff geführt und nie große Risiken
eingegangen ist. Deshalb ist Westerstede finanziell noch dazu in der
Lage, sich einige Dinge zu leisten, die anderswo nicht mehr möglich
sind. Die Stadt hat unseren Boßelvereinen ringsum schon immer viel
ermöglicht. In etlichen kleinen Orten wurden nach dem Aus der
Dorfkneipen Gemeinschaftshäuser der Vereine gefördert. Umgekehrt ist
viel aus den Vereinen zurückgekommen. Insgesamt ist das Verhältnis
zwischen Kommune und Sport positiv. Unter solchen Voraussetzungen
lässt sich auch eine Großveranstaltung wie die EM bewältigen.
|
|
Kurier:
|
|
Wie groß ist
der Aufwand, der für die EM betrieben wird? |
|
Vogts:
|
|
Von der
anfänglichen Idee bis zum ersten Veranstaltungstag ist es ein
unheimlich langer Weg, der sich über Monate hinzieht. Wir müssen
nach der Eröffnung am 20. Mai drei voll gepackte Wettkampftage
bewältigen und unserer Rolle als guter Gastgeber gerecht werden.
Insgesamt haben wir enorm viele kleine Dinge zu planen und zu
erledigen. Zu den Verbänden und den vielen Vereinen muss
Kontakt gehalten und müssen Informationen weitergegeben werden. Auch
während der Wettkampftage ist viel Feinarbeit gefragt. Der Sonnabend
mit dem EM- traßenboßelvergleich ist für uns organisatorisch
der schwierigste Tag. |
|
Kurier:
|
|
Welche Hürden
müssen beim Werfen mit der irischen Eisenkugel gemeistert werden? |
|
Vogts:
|
|
Wir erwarten
auf der Straße in Halsbek mehrere tausend Zuschauer. Jeder muss
sicher zum Wettkampf gelangen und die Möglichkeit haben, den
Wettbewerb vernünftig verfolgen zu können. Allein 80 Ordner sind an
diesem Tag im Einsatz, damit die Besucher den Vergleich hautnah auf
der Straße erleben können und die Wettkampfstrecke entsprechend frei
gehalten wird. |
|
Kurier:
|
|
Wie groß ist
die ehrenamtliche Unterstützung? |
|
Vogts:
|
|
Insgesamt
haben wir etwa 600 Helfer während der EM im Einsatz. Wenn wir damit
auskommen. Die Resonanz ist positiv. Es haben sich eine Menge Leute
beworben. Die gesamte Ordnertätigkeit in Halsbek hat beispielsweise
der Kreisverband Waterkant mit seinen Vereinen übernommen. Diese
werden mit mehr als 150 Kräften vor Ort sein. Die FKV-Lehrwartin
Petra Ende hat etwa 90 Schiedsrichter ausgebildet. Für die Bewirtung
sorgen Halsbeker Vereine, die mit bestimmt 150 Leuten im Einsatz
sein werden. |
|
Kurier:
|
|
Ist der
EM-Vergleich der Klootschießer ähnlich schwierig zu meistern? |
|
Vogts:
|
|
Der
Standkampf als großes Finale am Sonntag im Hössen-Sportzentrum wird
sicherlich auch sehr publikumsträchtig sein. Es wird extra eine
Tribüne aufgebaut. Wir wollen das richtig groß aufziehen. Die
Klootschießer sollen endlich einmal ein großes Forum haben.
Hoffentlich wird der eine oder andere nach diesem Wettkampf sagen:
Jetzt trainiere ich erst recht, damit ich bei der nächsten
Europameisterschaft in vier Jahren dabei bin. Das wäre ein positiver
Effekt. Bei der Bewirtung helfen uns da die Fußballer vom FSV
Westerstede. Für uns ist die ehrenamtliche Hilfe insgesamt ein
Glücksgriff. Die Leute sind mit Leib und Seele dabei. |
|
Kurier:
|
|
Wie viele
Zuschauer erwarten Sie? |
|
Vogts:
|
|
Wenn wir beim
Start der Wettkämpfe am Freitag beim Feldkampf in Espern um die 1000
Zuschauer haben, sind wir zufrieden. In Halsbek werden, "befürchte"
ich, 4000 bis 5000 kommen. Damit müssen wir rechnen. Darauf sind wir
entsprechend vorbereitet. Nach der großen Werbung, die wir im
Ammerland betrieben haben, ist Westerstede am Sonntagnachmittag
komplett auf der Hössen-Sportanlage beim Standkampf. 4000 bis 5000
Zuschauer erwarte ich auch da. Bei einer Stadt-Olympiade im Vorfeld
der Europameisterschaft ist das Klootschießen bereits einmal
demonstriert worden. Schon da waren alle Zuschauer begeistert. Die
großen Sportvereine in Westerstede sind ganz heiß auf den
EM-Wettkampf. Grundsätzlich gilt: Von 9 bis etwa 17 Uhr ist an allen
drei Wettkampftagen attraktiver Sport zu sehen. |
|
Kurier:
|
|
Das ist nicht
nur mit großem Aufwand, sondern auch mit hohen Kosten verbunden. Wie
teuer werden die Wettkämpfe von Westerstede? |
|
Vogts:
|
|
Wir haben das
hochgerechnet, als wir mit den Planungen angefangen haben. Damals
sind wir von etwa 180000 Euro Kosten ausgegangen. Da haben wir die
Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gesagt, das bekommen wir
nie auf die Beine. Dann stand uns die Stadt Westerstede zur Seite
und konnte uns eine ganze Menge abnehmen. Die Sponsorensuche war
anfangs sehr schwierig. Volker Dunkhase aus unserem
EM-Organisationsteam hat Verbindungen hergestellt. Wir haben enormes
Glück gehabt, dass wir mit Meica einen Sponsor aus dem Ammerland
gefunden haben, der den regionalen Sport fördern möchte. Auch den
Friesensportlern muss klar sein, dass man da neue Wege gehen muss. |
|
Kurier:
|
|
Was heißt das? |
|
Vogts:
|
|
Es ist schwer
für manchen Boßler zu verstehen, dass die EM jetzt Boßel- Euro
heißt und die Disziplin Klootschießen nicht im Namen erscheint.
Klootschießen ist ein wahnsinnig toller Sport und sieht super aus.
Das Problem: Es kennt leider fast niemand. Boßeln ist für
viele noch ein Begriff, wenn man im Raum von Bremen und Hamburg mit
den Leuten spricht. Unser Handicap ist, dass wir nicht bekannt genug
sind. Uns wurde von unseren Förderern gesagt, dass wir bekannter
werden müssen. Wenn ihr etwas fürs Klootschießen tun wollt und das
wirklich etwas sein soll, hieß es, dann muss diese Disziplin anders
aufbereitet und müssen diese Leute in den Vordergrund gerückt
werden. Ein Stefan Albarus, der mit 106,20 Metern Rekordhalter im
Klootschießen ist, wäre in einer anderen Sportart mit solch einer
Leistung Multi-Millionär. Damit kein Missverständnis aufkommt: Wir
wollen unseren Sport nicht verkommerzialisieren. Aber heute sind wir
auf Förderer angewiesen. Wie gesagt, wir sind anfangs von 180000
Euro ausgegangen. Einen Großteil dieser Kosten können wir durch
ehrenamtliche Hilfe und durch das Nutzen von Einrichtungen der Stadt
sowie des Landkreises ausgleichen. |
|
Kurier:
|
|
Über die
Sponsoren ist das finanzielle Risiko abgedeckt? |
|
Vogts:
|
|
Das
finanzielle Risiko ist abgedeckt. Zu den Großsponsoren zählen
auch die Oldenburgische Landesbank, die Raiffeisen- und Volksbank
sowie Edeka Nordwest. Eintrittsgelder planen wir bei der
Finanzierung nicht zusätzlich ein. Auch der Friesische
Klootschießerverband hat durch eine rechtzeitige Beitragserhöhung
vorgesorgt. |
|
Kurier:
|
|
Wie groß ist
der Stellenwert der EM in Westerstede bei den Sportlern? |
|
Vogts:
|
|
Der
Stellenwert ist enorm hoch. Für unsere Aktiven ist die EM sehr
wichtig. Für die wenigen Startplätze des FKV hat es eine große
Anzahl an Bewerbern aus Ostfriesland und Oldenburg gegeben. Die
Klootschießer und Boßler nehmen das sehr ernst, trainieren hart und
wollen ihre Chance unbedingt nutzen. Die Aktiven erhoffen sich viel.
Diese Erwartungen dürfen wir nicht enttäuschen. Auch die anderen
Verbände mit Irland, Holland und Schleswig-Holstein freuen sich auf
Westerstede. Die Italiener betreten bei ihrer erst zweiten
EM-Teilnahme mit ihrer Premiere im FKV-Gebiet absolutes Neuland. Sie
sind ganz heiß auf ihren Start. Ich fände es schön, wenn unsere
Werfer den größtmöglichen Erfolg feiern. Ehrlich gesagt, bin ich
aber auch nicht böse darüber, wenn einmal ein Italiener ganz oben
auf dem Treppchen steht oder ein Ire. Das gehört natürlich dazu. |
|
Kurier:
|
|
Welchen Erfolg
erhoffen Sie sich für Ihren Sport insgesamt? |
|
Vogts:
|
|
Die EM könnte
den Stellenwert des Friesensports weiter verbessern.
Vielleicht finden noch mehr Leute zu uns und werden Mitglied,
vielleicht schicken Eltern ihre Kinder danach vermehrt in die
Klootschießer- und Boßlervereine. Bei uns kann nach wie vor jeder
mitmachen. Und unser Sport ist gut erlernbar. Aber auch einer, der
auf dem falschen Fuß abspringt, kann, wie beispielsweise der
Pfalzdorfer Crack Harm Henkel bewiesen hat, ein Super-Werfer werden.
Für den FKV, für unsere Kreisverbände, für unsere Vereine und
letztlich für jedes einzelne Mitglied sollte die EM einen großen
Schub nach vorne geben. |
|
Kurier:
|
|
Welchen
persönlichen Traum haben Sie? |
|
Vogts:
|
|
Ich hoffe,
dass alle zufrieden sein werden. Wenn jeder etwas für sich mitnimmt
und sagt: Schön, dass ich in Westerstede dabei gewesen bin, hat sich
mein Wunsch erfüllt. |
| |
|
|
|