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Quelle: Anzeiger für
Harlingerland vom
26.07.2002
Boßelkugeln: Eine Wissenschaft für sich
Nur zwei Firmen dürfen die vom Klootschießerverband
zugelassenen Kugeln herstellen
Echte Pockholter nur zur Dekoration
-jkj/wrs/hro-
Ostfriesland. Vier Punkte hat sie, ist aus rotem Gummi und sogar
patentrechtlich geschützt. Es geht um die Boßelkugel, genau genommen um
die "Vier-Punkt-Gummikugel". Der Friesische Klootschießerverband (FKV)
besitzt Patentrechte für das runde Gummi und vergibt Lizenzen für die
Herstellung. Neben der Gummikugel erlaubt der FKV den Einsatz der
schwarzen Kunststoffkugeln, die die traditionellen Wurfgeräte aus Pockholz
ablösten. Zwei Firmen dürfen die "offiziellen" Kugeln produzieren, eine
davon heißt van Dorn und hat seinen Sitz in Wilhelmshaven, die andere
befindet sich in Dietrichsfeld und wird von Gerhard Fabricius betrieben.
Während der Oldenburger Landesverband seine Kugeln primär in Wilhelmshaven
kauft, werden die Ostfriesen meist in Dietrichsfeld bedient. 1980 stieg
Gerhard Fabricius dort ins Boßelgeschäft ein. Er kaufte sich eine
gebrauchte Drehbank und begann mit dem Abdrehen der Boßelkugeln. Der
eigene Verein und Bekannte waren seine ersten Kunden. 1981 investierte er
in eine Presse, mit der die ersten Kugeln gepresst wurden. Als Rohstoff
diente Hartkunststoffgewebe, das in der Werftindustrie genutzt wurde. Der
Rohstoff wurde als Stangenmaterial mit einer Länge von einem Meter
angeliefert. Aus einer Stange stellte Fabricius acht Kugeln her. Die
Ölkrise trieb die Materialkosten in die Höhe - mit der Folge, dass auch
die Preise für die Wurfgeräte stark anstiegen. Aus diesem Grund kaufte
Fabricius sich eine Duroplast- Presse, die schwarzes Kunststoffgranulat
bei 165 Grad in die gewünschte Form von Zwölfer-, Elfer, Zehner- und
8,5er-Boßelkugeln brachte. Dank des alternativen Rohstoffes ging der Preis
deutlich zurück. In der Werkstatt von Fabricius werden nicht nur die
Kunststoffkugeln, sondern auch Gummiboßel hergestellt. Fabricius
entwickelte für die Produktion der roten Gummikugel ein neues Verfahren.
Früher hatten die Kugeln einen Bleikern, um auf das gewünschte Gewicht zu
kommen. Die zusammengeklebten Gummistücke wiesen häufig unterschiedliches
Gewicht auf. Daraus resultierte ein unrunder Lauf auf der Straße. Dies
wiederum führte immer wieder zu Streitereien bei den Wettkämpfen. Auf
einer Messe endeckte Fabricius Gummikugeln ohne Kern mit einem Gewicht von
2 Kilogramm. Er verfeinerte das Verfahren und produzierte Gummikugeln ohne
Eisenkern. Gestapelte Gummiplatten werden im Heißluftofen erhitzt und in
eine Preßform gespritzt. Danach müssen die Kugeln eine halbe Stunde
durchvulkanisiert werden. Fabricius stellt jährlich knapp 3000 Boßelkugeln
her. Die Vereine kaufen direkt bei ihm ein. Der Vertrieb der Boßelkugeln
erfolgt mittlerweile bundesweit. Nicht vom FKV zugelassen, aber dafür
schön anzusehen sind die echten Pockholzkugeln, die von Heinrich-Jürgen
Eden in Mittegroßefehn hergestellt werden. "Dieses Holz ist bekannt für
seine ungeheure Härte. Es wurde im Schiffsbau verwendet", berichtet Eden.
Das Holz vom Guajakbaum stammt aus Südamerika. Der Tischlermeister bezieht
bis zu 2500 Rohlinge pro Jahr über eine Hamburger Speditionsfirma aus den
südamerikanischen Abbaugebieten Mexiko, Venezuela oder Dominikanische
Republik. Eden und seine Mitarbeiter verwandeln die zylinderförmigen
Stücke auf der Drehbank innerhalb von drei bis fünf Minuten in
Boßelkugelrohlinge. Anschließend erfolgt der Feinschliff, bevor die
Wurfgeräte zwei- bis dreimal lackiert werden. "Das Drehen ist
Gefühlssache. Das lernt man nicht von heute auf morgen", sagt Eden. Jede
Holzkugel habe ihren eigenen Charakter und sehe anders aus. Seit mehr als
30 Jahren beschäftigen sich Eden und zuvor sein Vater mit der Produktion
von Pockholzkugeln. Sie stehen bei Touristen hoch im Kurs, dienen als
Geschenk bei Jubiläen und Geburtstagen.
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